Jahreskreis
Samhain – Das fest der Ahnen – 31. Oktober
Das Fest der Ahnen, keltisches Neujahr – Samhain- die Nacht auf den 1. November
Yoga ist keine Religion
Bg. 18.66
sarva-dharmān parityajya
mām ekaṁ śaraṇaṁ vraja
ahaṁ tvāṁ sarva-pāpebhyo
mokṣayiṣyāmi mā śucaḥ
Gib alle Arten von Religion auf, und ergib dich einfach Mir. Ich werde dich von allen sündhaften Reaktionen befreien. Fürchte dich nicht.
Warum feiern wir die Jahreskreisfeste?
Im Yoga geht es darum, dass wir wieder natürlich werden. In erster Linie bedeutet das, dass wir uns daran erinnern, wer wir wirklich sind: Nämlich eine ewige Seele, die weder geboren wird, noch jemals stirbt.
Gleichzeitig befinden wir uns jetzt in diesem Moment in diesem Körper und in dieser materiellen Welt, die auch göttlich ist. Und so wie wir den Göttlichen Gesetzen von Dharma (richtige Handlung) und Karma (Reaktionen auf Handlung) unterworfen sind, so sind wir auch den Zyklen und Rhythmen der Natur unterworfen.
Der Mensch unternimmt und erfindet einiges, um sich den natürlichen Zyklen zu entziehen:
Mit Lampen, machen wir die Nacht zum Tag, die Heizung macht es möglich, auch im Winter im T-Shirt am Laptop zu sitzen und im Supermarkt bekommen wir das ganze Jahr über alle Obst und Gemüsesorten. Aber wir können den Rhythmen nicht entkommen, wir spüren es trotzdem.
Es sind nicht nur die Temperaturen, die sich verändern. Es ist auch das Licht, die Natur, die Farben, aber auch unsere Gedanken und Gefühle und die kollektive Stimmung und das macht etwas mit uns. Und es macht einen gewaltigen Unterschied, ob wir dem ganzen unbewusst ausgeliefert sind oder sogar in den Widerstand gehen, oder ob wir bewusst und positiv mit den Veränderungen mitgehen und die unterschiedlichen Zeiten und Energien willkommen heißen.
Genau das machen wir an den Jahreskreisfesten. Wir halten einen Moment inne und schauen, was sich jetzt gerade verändert und wo die Reise hin geht. Wir nutzen den Moment und schauen, was jetzt wirklich dran ist, stellen uns auf die neue Jahreszeit ein, schauen dankbar zurück auf das, was war, freuen uns auf das, was vor uns liegt, stellen uns aber auch bewusst auf mögliche Herausforderungen ein und können dadurch leichter damit umgehen.
Das Leben wird leichter, weil wir uns dem natürlichen Fluss des Lebens und der Jahreszeiten hingeben und sie bewusst erleben. Du kannst dir das etwa so vorstellen, wie die Tageszeiten. Wir alle haben eine innere Uhr, die dafür sorgt, dass wir morgens aufwachen und abends müde werden. Wenn wir versuchen gegen diesen Rhythmus zu leben, mag das gut gehen, aber auf Dauer werden wir davon krank. Und so ist es auch mit den Jahreszeiten.
Das Licht, die Farben, die Stimmung, die Früchte, die reif sind, alles wirkt auf uns und unser Körper, aber auch unser Geist stellen sich auf die jeweilige Zeitqualität ein. Diese Anpassung kann einige Tage dauern – besonders wenn es Herbst wird, spüren wir, dass wir vielleicht für ein paar Tage mehr Ruhe brauchen als sonst, dass wir Appetit auf andere Speisen haben als noch im Sommer, dass wir andere Dinge tun möchten usw.
So helfen uns die Jahreskreisfeste, dass wir kurz aus dem Alltag aufwachen und bewusst wahrnehmen, was jetzt dran ist. Dass wir uns und die Welt, die Natur um uns fühlen. Durch die Jahreskreisfeste können wir uns bewusst auf die Veränderungen einstellen und sie sogar positiv für uns nutzen.
Samhain – Beginn des Winters, keltisches Neujahr
Samhain ist das erste der Jahreskreisfeste, das keltische Neujahr und der Beginn des Winterhalbjahres. Unsere Vorfahren unterschieden nur zwischen 2 Jahreszeiten: Sommer und Winter. Jetzt beginnt der Winter und wir gehen in die Dunkelheit.
Der Sommer hat eine männliche Qualität: Es ist heiß, wir sind aktiv, gehen räumlich und geistig mehr nach außen und verbrauchen Ressourcen.
Der Winter hat eher die weibliche Qualität: Es ist dunkel und kalt, wir sind eher passiv, alles zieht sich zurück, wir gehen räumlich und geistig mehr nach Innen, können das vergangene Jahr verdauen, verarbeiten, reflektieren.
Ab November wird es deutlich kälter und dunkler. Die Natur zieht sich zurück, Bäume werfen ihre Blätter ab, Gräser und Sträucher vergehen, Zugvögel fliegen weg und auch für uns beginnt eine Zeit, in der wir uns nicht nur räumlich zurückziehen, sondern auch geistig Innenschau halten können.
Ganz bewusst eine Pause machen. Das hinter uns liegende Jahr verdauen und verarbeiten.
Tabuthema Tot
Zur Zeit unserer Vorfahren gab es keine Heizungen, Strom, warmes Wasser aus der Leitung und gefüllte Supermärkte. Im Winter war der Tot allgegenwärtig. Deshalb sind wir an Samhain dazu eingeladen, uns diesem Thema bewusst zu widmen, auch wenn es heute für viele Menschen zu einem Tabu geworden ist.
Aber der Tot gehört zum natürlichen Zyklus des Lebens. Alles im Leben verläuft in Zyklen. Das Kommen und Gehen der Jahreszeiten, Geburt und Tot, Säen und Ernten…. Das Interessante daran ist, dass viele Menschen, die den Tot verdrängen, den Wert ihres Lebens gar nicht wirklich schätzen können. Sie rennen durch ihr Leben und wissen oft gar nicht wohin. Man hat Angst, ist vorsichtig und passt sich an und verpasst es, sich selbst in seiner Essenz in vollen Zügen zu er-leben.
Ein Mensch dagegen, der sich seiner Sterblichkeit bewusst ist, der erkennt den Wert jedes einzelnen Moments. Der Duft einer Tasse Tee, Sonnenstrahlen, die am Morgen ins Zimmer scheinen, das Lachen eines lieben Menschen. So ein Mensch rennt daran nicht vorbei, sondern erlebt das alles ganz bewusst und voller Wertschätzung. Und dadurch entsteht eine innere Fülle, die die Sprinter nicht verstehen können.
Die Menschen, die ständig getrieben sind und durch ihr Leben hetzen, denken: Wenn ich nur schnell dort ankomme oder das und das erreiche, dann erfüllt das meine innere Leere, dann bin ich glücklich. Aber sie kommen nie an, bzw. wenn sie erreicht haben, was sie wollten, füllt das die innere Leere nur sehr kurz und dann rennen sie schon wieder dem nächsten Ziel nach, von dem sie sich die Er-Füllung versprechen.
So geht es leider den meisten Menschen. Wir sind so erzogen und konditioniert worden: Du bist nur wer, wenn Du was hast und was erreichst, das Leben ist hart, du musst dich anstrengen, das Leben ist ein sinnloser Unfall, man lebt nur einmal und Ziel dieses Daseins ist es, möglichst viel zu konsumieren und zu genießen, seine Gene weiterzugeben und dann war es das.
Wirklich? Durch Yoga wollen wir uns einer anderen Realität bewusst werden. Die Seele ist ewig. Und damit ist das Leben ewig. Ich bin gewollt, ich bin geliebt, ich bin eine Verkörperung Göttlicher Liebe, die ich in jeden Moment meines Lebens strahlen lassen kann.
Mit Hilfe der Yoga-Techniken können wir die alten Konditionierungen auflösen, uns davon befreien und die die Wahrheit erfahren. Und wenn ich so denke, welchen Dingen soll ich dann noch hinterherlaufen?
Wenn Du endlich stehen bleibst und dich traust, langsam zu sein, dann bekommt Dein Leben eine so großartige Intensität, dass sich das Vakuum ganz von selbst füllt. Dann braucht es keinen Besitz, keinen Status, kein Jemand-Sein, keine Macht. Dann bist du erfüllt und glücklich, weil Du mit jedem Atemzug spürst, wie das Göttliche durch Dich atmet.
Und so kannst du dir an Samhain diese Frage stellen: Wo fühle ich eine Leere in meinem Leben? Renne ich vielleicht zu schnell? Und wo renne ich überhaupt hin? Warum? Was würde passieren, wenn ich langsamer werde?
Wenn wir beginnen uns ehrlich mit der Vergänglichkeit unseres materiellen Daseins auseinander zu setzen und anfangen uns Fragen zu stellen darüber, wie wir wirklich leben und was wir wirklich verkörpern wollen, hat das etwas zutiefst transformatives. Und die Transformation geschieht in der Dunkelheit. Wie eine Raupe, die sich verpuppt, um in der Dunkelheit ihres Kokons zum Schmetterling zu werden, oder wie ein Baby, dass in der Dunkelheit des Mutterbauches heranwächst. Es ist von außen zunächst nicht sichtbar.
Und so können wir in der Dunkelheit des Winters verarbeiten, verdauen, reflektieren, heilen, erneuern und Kraft schöpfen für das kommende Sommerhalbjahr. Dabei ist mir wichtig noch einmal deutlich zu sagen, dass die Vergänglichkeit unseren Körper und diese Inkarnation betrifft. Ein anderer Teil von uns, die Seele ist ewig (dazu komme ich gleich).
Wenn wir also darüber nachdenken, wie wir leben wollen und uns fragen, was uns glücklich macht, können wir zwei Ebenen unterscheiden:
Was macht meine vergänglichen Anteile glücklich? Also Körper, Gedanken, Emotionen. Dieses Glück ist vergänglich und nicht von Dauer.
Und was macht meinen ewigen Anteil, die Seele glücklich? Dieses Glück ist von Dauer und hat auch keinen Auslöser in äußeren materiellen Dingen.
Damit komme ich zum nächsten Punkt, bei dem es um genau diesen ewigen Teil von uns geht:
Samhain – Tot und Ahnen
Ziel des Yoga und jeder spirituellen Praxis ist es, sich aus der falschen Identifikation mit dem Vergänglichen (Körper, Geist, Besitz, Status ect.) zu lösen und sich als ewiges spirituelles Wesen, als Seele zu begreifen. Somit ist die Geburt kein Beginn und der Tot kein Ende, sondern es sind Übergänge, in denen die Seele ein körperliches Kleid annimmt und wieder ablegt.
Dies wird im Yoga Sutra uns der Bhagavad Gita in den folgenden Versen beschrieben:
yogaś-citta-vṛtti-nirodhaḥ ||YS 1.2||
Yoga ist das Abklingen/ zur Ruhe kommen der Bewegungen im Geist
tadā draṣṭuḥ svarūpe-‚vasthānam||YS 1.3||
Dann verweilt der Wahrnehmende (Sehende) in seiner eigenen Natur.
na jāyate mriyate vā kadācin
nāyaṁ bhūtvā bhavitā vā na bhūyaḥ
ajo nityaḥ śāśvato ’yaṁ purāṇo
na hanyate hanyamāne śarīre //BG 2.20//
Für die Seele gibt es zu keiner Zeit Geburt oder Tod. Sie ist nicht entstanden, sie entsteht nicht, und sie wird nie entstehen. Sie ist ungeboren, ewig, immerwährend und urerst. Sie wird nicht getötet, wenn der Körper getötet wird.
Wenn wir von dieser Ansicht ausgehen, dann sind auch unsere Ahnen nicht tot, sondern befinden sich nur nicht mehr in dem Körper, in dem wir sie kannten. Ihre Seele existiert weiter und wir können mit Ihnen in Kontakt treten. Und das ist an Samhain besonders gut möglich.
Samhain ist eine Rauhnacht. Das bedeutet, dass die Schleier zwischen der grob- und feinstofflichen Welt dünner sind und es leichter ist mit Wesen in Kontakt zu kommen, die sich in dieser anderen Welt oder auf anderen Ebenen befinden. Das hat nichts Gruseliges an sich, wie uns Halloween, die entartete Version von Samhain wohl weis machen möchte, es ist etwas sehr Liebevolles und Schönes.
Ohne unsere Ahnen gäbe es uns nicht. Vieles von dem, was wir haben, haben sie erschaffen. Sie lieben uns und stehen unterstützend hinter uns. An Samhain können wir sie einladen, uns mit ihnen verbinden und diese Verbindung zelebrieren, wir können ihnen danken und gute Wünsche schicken. Vielleicht möchten wir sie auch um Unterstützung für etwas bitten. Denn jetzt stehen wir ganz vorne in der Reihe – und wir können uns fragen: Was ist jetzt meine Aufgabe?
Früher gab es den Brauch, dass man einen Platz am Tisch für die Ahnen gedeckt und ihnen ihr Lieblingsessen serviert hat. Man kann auch Fotos aufstellen, ein Licht für sie entzünden oder einfach an sie denken und sich bei Kerzenschein oder an einem Feuer Geschichten von ihnen erzählen.
Es ist wichtig für die Familie und besonders für die Kinder, dass wir die Erinnerung an unsere Vorfahren wachhalten. Aber was ist, wenn wir keine schönen Erinnerungen an sie haben? Was, wenn wir eigentlich froh sind, dass jemand nicht mehr da ist?
Dazu kann ich aus meiner eigenen Erfahrung sagen, dass Samhain ein guter Moment für Vergebung ist. Wir sind sicher, denn dieser Mensch, der uns – was auch immer – angetan hat, ist physisch nicht hier. Vergebung heißt nicht, dass wir etwas einfach vergessen oder gutheißen sollen. Vergebung bedeutet, dass wir loslassen, uns aus der Opferrolle befreien und dem Geschehenen keine Macht mehr über uns geben.
Früher dachte ich, Vergebung müsse mit irgendeinem bestimmten Gefühl verbunden sein. Dem ist aber nicht so. Es reicht, wenn du es aussprichst: „Ich vergebe Dir.“ Hat eine unglaubliche Kraft und nochmal: Es ist dabei völlig egal, ob derjenige ein Recht hatte, zu tun, was er oder sie getan hat, ob es richtig oder falsch war oder wie schlimm es war. Es heißt einfach nur: Ich vergebe Dir. Und dieser Satz schenkt Dir Deine Freiheit zurück! Und der anderen Seele auch.
Ich möchte noch einmal kurz auf das Thema Glück zurückkommen. Ich hatte die Unterscheidung getroffen zwischen dem vergänglichen Glück, das für unsere äußeren Anteile, also Körper und Geist, ist und dem ewigen Glück, dass für unsere Seele ist.
Eigentlich haben wir keine Seele, sondern sind Seele.
Also was kannst du für die Ewigkeit tun? Was nährt die Seele?
Es sind die Dinge, die aus materieller Sicht oft keinen Sinn machen. Sie haben nichts mit Haben, Bekommen oder Werden zu tun, sondern mitgeben und sein. Mit den Liebsten am Feuer sitzen und singen, anderen Menschen ein Lächeln, Freude, Liebe oder mein Ohr und meine Zeit schenken, jemandem helfen, beten, meditieren, der Natur lauschen.
Das Glück der Seele ist nicht laut, es schenkt tiefen Frieden. Auf ebene der Seele sind wir nicht getrennt. In unserer Essenz sind wir eins. Das bedeutet, wenn Du das Leid eines anderen Menschen oder Lebewesens linderst, linderst Du gleichzeitig Dein eigenes Leid. Wenn Du jemandem Freude schenkst, kommt sie auch zu Dir.